Marathon Leipzig

Marathon Leipzig 2015

Es war schon immer mal ein Lebensziel von mir, einen Marathon zu laufen. Jedoch wollte ich ihn nicht nur Laufen um zu Bestehen, sondern auch eine für mich ansprechende Zeit erreichen.

Im November 2014 habe ich mich nach einem guten Gespräch mit meinem Freund Chris für den Leipzig Marathon 2015 angemeldet. Entsprechend meiner Vorerfahrung von Halbmarathon läufen hatt ich mir folgendes Ziel gesetzt: unter 3:15h.

Von meiner Anmeldung standen mir 120 Trainingstage zur Verfügung und ich startete meine Vision.

Akribisch habe ich in der Zeit mein Training durchgeführt. Aber nicht nur das. Ich habe mich um alle weiteren Faktoren gekümmert, wie Ernährung, Rennplanung, Tapering und soziale Unterstützung. Disziplin und Nein sagen, wenn andere schöne Sachen machten, gehörte auch zum Programm. Verzicht und Beharrlichkeit. Training auch bei Unwollen und Schmerzen. Doch das Gefühl danach gibt einem immer neue Energie.

Und dann war es soweit. Der Wettkampftag startete.

Um 7 klingelte der Wecker, kurz nach sieben aufgestanden. Kampfgewicht von 76,2 trotz Carboloading, perfekt. Preparierung der Eigenverpflegung. Frühstück um 8 und ein Glas Saftschorle. Mehr gibt es jetzt nicht bis zum Lauf. Hoffentlich kann ich vorher noch einmal auf Toilette. Abgabe der Eigenverpflegung. Fahrt zum Start und Zielbereich. Betrachten und durchatmen. Zurück zu Haus, Toilette, ein Glück. Duschen und in die frischen Wettkampfklamotten rein. Bei mir müssen sie immer frisch und sauber sein. Lange Kleider darüber. Haare gemacht, Zähnegeputzt. Los geht’s.

Treff vor der Arena mit Freunden. Aufregung? Nein! Gutes Gefühl. 10 Minuten vor dem Start. Kein Einlaufen, lockeres dynamisches Dehnen und kreisen der Gelenke. Kleider aus. Startfoto mit den Jungs. Einreihen ins Startfeld. Jetzt bin ich allein und auf mich gestellt. Anspannung und Nervös, eher nein. Sehr gespannt wie es wird. Habe einen Laufplan im Kopf, den ich durchziehen möchte. Noch einmal allgemeiner Jubel für die Starter gegenseitig und die Organisatoren. Klatschen zum Beat. Runterzählen, Start. Nach knapp 10 Sekunden schon Startlinie überquert und auf die Uhr gedrückt. Ungewöhnlich, wenn man die Großveranstaltungen kennt. Im Pulk los und zwangsweise neben Zeitläufer. Check 1. Km. 4:30! Etwas zu schnell. Ich habe die Gruppe um die Zeitläufer etwas ziehen lassen und habe mich auf mich konzentriert.

Meine Freunde waren die ersten KM treue Begleiter. Bis KM 6 oder 7 immer noch mit gerechnet, dann aber aufgehört und erst bei bei 10km wieder. Ein bisschen Zwang zu trinken, aber Flasche bis 10 km gut leer bekommen. Bei 10km erste Eigenversorgung. Schild war super zu erkennen, keine Probleme. Good Job Martin! Lauf über die 10KM Matte. Es piepst, ich gucke auf die Uhr. 46:02. Perfekt! Genau deine Zeit, trotz langsameren ersten Kilometern. Ich wusste, ich habe meinen Tritt gefunden. Band am Straßenrand. Das hat gegroovt. Leicht abschüssig. Maskotchen. BMW Niederlassung. Bundeswehr. Ich bin allein unterwegs. Der Abstand zu den Zeitläufern verringert sich langsam. Zwischendrin Jonah und Quy. Jonah: Jawoll martin, schön locker, sieht super aus, bist genau in der Zeit!“. Nächstes Ziel km 20, Wasser und Datteln. Ich bin an den Zeitläufern dran, laufe aber neben ihnen und verrringere etwas mein Tempo. Die nächste Verpflegung kommt bald und essen musst du das auch. Gesagt getan bei km 20. Richtung Zieleinlauf tolle Stimmung, viele Leute. Datteln schon vertilgt. Zeitcheck, 1:35 nochwas. Top Martin! 2 Minuten unter soll. Gute Renneinteilung. 2. Runde: Ersten Meter der neuen Runde gemerkt, die Datteln waren zu viel. Völlegefühl und erhöhter Druck auf der linken unteren Thoraxseite. Gemerkt, dass die Zeitläufer einen anderen Schritt als ich hatten, aber erstmal bei Ihnen geblieben, aber immernoch größtenteils seitlich außerhalb.

Große Kurve und ich höre bekannte Stimmen, die meinen Namen schreien. Meine Mutti und meine Tante. Ich habe nicht schlecht geguckt! Immer noch außen bei den Zeitläufern und völle Gefühl noch nicht besser. Gucke auf eine Straßenbahnanzeige mit Uhrzeit, 12:14 Uhr. 1h noch Martin. Hälst du das durch? Ja! Leichter Anstieg und Wind von vorne. Ansage vom Zeitläufer, "Kommt alle hinter uns, also macht was ihr wollt, aber so schaffen wir es". Affektiv kurz einsortiert. Den Zug der Gruppe mitbekommen. Windschatten gibt es auch beim Laufen. Aber gemerkt, das dein Schritt anders ist. Bald wieder Verpflegungsstelle bei km 26. Ich lasse mich etwas nach hinten fallen um dem Tumult zu entgehen und ganz entspannt meine eigene Verpflegung aufzunehmen. Nur Wasser. Schon vor der Verpflegung den Beschluss gefasst, aus der Gruppe heraus zu gehen. Das ist mein Rennen und nicht das der Zeitläufer. Und wenn der Mann mit dem Hammer kommt, dann ist das so. Aber dann bin ich es gelaufen. Ich laufe seitlich neben ihnen. Habe wieder den vollen Laufwind von vorne. Ist mir egal was die anderen denken. 2,5km  später nächste Wasserstelle, das Feld wird langsamer, ich habe mein trinken in der Hand und halte meinen Schritt. Eine kleine Lücke tut sich auf. Völlegefühl etwas besser aber nicht weg. Ich zwinge mich immer etwas zu trinken. Es geht Berg ab. Ich bewege mich sehr locker und bin selbst über mein Tempo verblüft. High Fives für Kinder beim Maskotchen. 30km Zeit 2:16. Wahnsinn! In der Zeit! Und so langsam beginnt die harte Zeit. Wie Jan Fitchen sagt, "Zwischenziele setzen". Zwischenziele waren Kilometer und Standpunkte: BMW Haus, Brücke, Kurve, Strecken. Gefühlt ging es mir immer schlechter, aber ich konnte meinen Schritt halten.

Ich konnte einige Leute kaschen. Einer blieb an mir dran bzw. lief neben mir. Perfekt identischer Schritt. Hinter der Bundeswehr, Brücke hoch, im Moment kein Wind, die Sonne brennt und unsere Schritte im Einklang. In dem Moment dachte ich: Mit ihm Laufe ich durch das Ziel. Will ihn fragen wie er heißt, nein lieber, nicht, kräfte sparen, dir geht es nicht so gut. Weiter Zielsetzung von Punkten und Kilometern. So langsam wird mir die Zeit egal. Ich will dass es aufhört. Ich habe keinen Spaß mehr daran. Letzte Verplegungsstation Kilometer 36. Wasser! Kurz danach von weiten Pfiffe und Rufe „Martin!“. Riesen Banner mit meinem Namen drauf. Mehr kann ich nicht erkennen. Ich guck verdutzt. Für mich? Meinen die mich? Ich schaue links und rechts neben dem Plakat, Chris und Aileen! Im Leben! Aileen pfeift voller inbrunst in ihre Trillerpfeife. Sie kommen halb auf die Straße Chris streckt den Arm und gibt mir einen kräftigen High  Five. Wahnsinn! Was für eine Überraschung. Kurzer Schub. Ich war 2-3 Meter vor meinem Partner. Ich warte, wir sind gleich auf. Leider hält die Euphorie nicht lange. Mein körper hat mich wieder. Wo ist der nächste Kilometer. Ich rechne pro Kilometer im Kopf, wie lange ich die Belastung noch ertragen muss. Spitze Kurve. Mein Partner kürzt etwas über den Bürgersteig ab. Misst, 3 meter Zwischen uns. Lücke schließen. Geschafft. Das war aber anstrengend. Nächste Verpflegung. Ich nutze die Sachen, um mich zu kühlen und schütte mir schon seit geraumer Zeit die Flüssigkeiten immer über meinen Kopf. Nächste Kurve, Handshake mit einem Kind. Dafür ist immer Kraft da. Leicht Berg ab, rollen lassen. Kurze Angst, dass die Zeitläufer wieder rankommen, doch bald schon wieder verdrängt. Ich weiß nicht mehr genau wann, ich vermute es war auch wieder eine Kurve, aber mein Partner war auf einmal vor mir und ich konnte die Lücke nicht zu laufen bzw. ich wusste, tue ich es, komm ich nicht entsprechend ins Ziel. Kilometer 38. Mein inneres Gespräch: Komm Martin, bis 40 qual, ab dann wirst du getragen. Jetzt wird es brutal. Zwischenziel, Zwischenziel, Zwischenziel. Berechnung der Zeit, wie lange noch. Ich pfeife ganz shcön auf dem letzten Loch. Quy und Jonah rufen mir positiv zu. „komm Martin, die letzten Kilometer. Das packst du auch noch“. Sie sehen meinen Zerfall, aber das Tempo bleibt. Nico ist auch wieder mit dabei. Ich wusste genau wo ich bin, wie weit es noch ist und dennoch wollte ich fast aufhören. Ich sah Katharina an der Seite, die mit dazu kam. Auf der Brücke, noch einmal leicht Berg auf. Jonah ruft mir zu: "Komm, gleich vorbei, dann kannst du rollen lassen." Leicht bergab, ich sehe meinen Partner ca. 100m vor mir.

Kilometer 40. Meine Visaulisierung: Uhrgucken, 3:04h, Gewissheit, dass ich es packe und emotionale Freude auf den letzten Kilometern. Die Realität: Ich gucke zwangsweise. 3:02 und irgendwas in den 40igern. War mir scheiß egal! Die Zeit hat mich null interessiert. Ich wollte, dass es aufhört. Es hat auch nicht viel gefehlt. Und von wegen Tragen die letzten 2km. KM 41, nix, außer Jonah am Seitenrand: „Komm Martin, jetzt nochmal alles“. Innerlich dachte ich mir nur, halt die Fresse^^! Rechtskurve und auf dem Weg Richtung Brücke. Ich wusste genau wo ich bin, wie weit es noch ist und dennoch wollte ich fast aufhören. Ich sah Katharina an der Seite, die mit dazu kam. Auf der Brücke, noch einmal leicht Berg auf. Jonah ruft mir zu: "Komm, gleich vorbei, dann kannst du rollen lassen." Leicht bergab, ich sehe meinen Partner ca. 100m vor mir.

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Man sieht die Menge und die Leute. Ich merke meinen Herzschlag der weit erhöht ist. Die wahrgenommene Belastung nimmt langsam ab. Alles klatscht und jubelt. Ein Moderator ist auf Inlinern unterwegs und fragt mich vor der letzten Kurve ob ich Martin sei. Ich nicke nur. In der Kurve sehe ich Aileen  und Chris mit dem riesen Banner. Ich weiß nicht mehr wie viele Handzeichen ich gemacht habe, aber ich habe Ihnen das OK bzw NICE Zeichen gezeigt und habe für mich den Zeigefinger gestreckt! Hier hatte ich Gewissheit, das ich es schaffe. Während ich an der Menge vorbei ziehe, höre ich noch einmal die Stimmen meiner Tante und meiner Mutti. Sehen tue ich nur noch wenig. Durch die Boxen halte meine Name und meine geschichte, dass ich aus Berlin komme, dass es mein erster Marathon ist und dass ich unter 3:15 bleiben wollte. Sie betrachteten die Zeit und ich schaffte es sogar unter der Bruttozeit. Ich laufe gerade zu auf den 2. Moderator. Die Menge jubelt. Ich nehme kurz meine Arme zur Seite und mache einen Jubel-Einlauf. Ich klatsche mit dem Moderator ab. Ich laufe über die Ziellinie.

Der Chip piepst, ich stoppe meine Uhr, gehe ein paar Schritte leicht rechts zur Ballustrade und stütze mich auf meinen Oberschenkeln ab. Es geht im Moment nichts mehr. Keine Freude, kein Jubelschrei, einfach nur Erleichterung, dass es vorbei ist. Quy ist mein erster Gratulant. Ich brauche Elektrolyte. Sofort zum Stand und ein alkoholfreies Bier. Ein Schluck und wieder Stützen. Ich brauche eine Bank. Gefunden, hingesetzt, probiert klarzukommen mit der Welt. Katharina kam an und beglückwünschte mich. Ca 5min später. Das erste mal kam ein emotionales Gefühl durch. Ich realisierte und leichte Freudentränen kamen durch. Es wird kalt. Shirtwechsel, aber siegershirt wieder drüber. Die Anderen haben mich gefunden. Ich kann wieder stehen und nehme die Glückwünsche entgegen. Auch meine Mutti und Tante kommen. Unglaublich! Kann es gar nicht fassen. Riesen Unterstützung! Habe damit null gerechnet. Gruppenfoto mit Banner. Einfach riesig. Geschafft und den Moment geteilt!

Vielen Dank an alle meine Unterstützer. Vor allem ganz großer Dank an Quy.

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